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Neue Initiative für Bogensee-Areal

Bogensee
Andra Schumann
Telefon:01 74/7 06 30 22
Website:www.akademiebogensee.com

Campus in früherer FDJ-Jugendhochschule?

Stand: Mai 2017

Das menschliche Auge ist genial, doch es sieht nicht alles. Das weiß jeder, der schon mal durch ein Vergrößerungsglas oder, noch besser, durch ein Mikroskop gesehen hat.

Doch es gibt Plätze in der Region, für die man eher die Vogelperspektive als ein Mikroskop bräuchte, um alles zu erfassen. Dies trifft mit Sicherheit auf das riesige Areal am Bogensee zu, das zum Wandlitzer Ortsteil Lanke gehört. Hier wurde mitten im Wald das imposante „Liebesnest“ des NS-Propagandaministers von der nachfolgenden DDR mit einer einzigartigen Kaderschmiede für den SED-Nachwuchs ergänzt.

Großstadt-Architektur im Busch
Die frühere FDJ-Jugendhochschule „Wilhelm Pieck“ erstrahlt im stalinistischen Zucker- bäckerstil, wie man ihn in Metropolen wie Moskau, Warschau oder in der Ostberliner Karl Marx Allee antrifft, aber kaum im „märkischen Busch“ vermuten würde. Das Hauptgebäude korrespondiert mit der markanten Mensa mit ihrem säulengelagerten Balkon, der den Eingangs­bereich umspannt. An den Seiten grenzen ein­facher gehaltene Gebäude ab.

Erfahrung aus Lanke
Wer hier einen Blick erheischen will, benötigt also alles andere als ein Mikroskop. Dennoch wird ausgerechnet das „Institut für Zelltechnologie“ aus Rostock zu den heißen Anwärtern für eine Neubelebung der Gebäude genannt. Das steht so auf der Internetseite der „Akademie Bogensee“, für die eine „Akademie Bogensee GmbH“ mit Berliner Adresse in Große Hamburger Straße verantwortlich zeichnet. Das Projekt wird demnach von einem „Förderverein Akademie Bogensee e.V.“ mit Sitz in Wandlitz-Bogensee unterstützt, wo allerdings alles leer steht. Eine der Vorsitzenden ist die Architektin Andra Schumann. Sie ist durch die Neubelebung vom Schloss Lanke bekannt, das zu einem Schnäppchenpreis privatisiert worden war.

Nebel um Besitzverhältnisse
„Ich bin dort aber nicht Besitzerin, sondern habe nur kleine Anteile“, will sie „Spekulationen, Eigentümerin zu sein“ entgegentreten. Laut ihrer Internetseite zeichnet sie mit Jens Schumann für die Schloss Lanke GbR verantwortlich. „Ich kümmere mich nur um Veranstaltungen“, schränkt sie ein. Des Weiteren findet man sie als Geschäftsführerin von „blue.berlin limited“. Die Firma ist in Birmingham als englische Ltd. eingetragen. Diese Rechtsform bietet „Haftungsschutz zum kleinen Preis“. Eine der Referenzen, die „blue.berlin“ nennt, ist Schloss Lanke. Als einer der Firmenerfolge wird auf „Fördermittel im mittleren sechsstelligen Betrag“ verwiesen. Da war die öffent­liche Hand offenbar sehr freigebig. Als Architektin ist sie ihren Angaben nach ausschließlich für denkmalgeschützte Projekte tätig. Sie nennt Schlösser und Gutshäuser sowie „eine Berliner Wohnanlage, die etwa ein Drittel so groß wie das Gelände in Bogensee ist“, als Referenzen.

Millionen aus Konzerten?
Das Grobkonzept der „Akademie Bogensee“ sieht vor, dass hier, ganz wie zu Zeiten, als Erich Honecker als junger FDJ-Chef die Jugend der DDR und befreundeter Länder im Wald zwischen Lanke und Stolzenhagen begrüßte, internationale Begegnung stattfindet. Dazu soll die Mensa mit ihrem markanten Säuleneingang dienen. Um dauerhaft genutzt zu werden, müssten die Gebäude aber erst mit Millionenaufwand modernisiert werden. „Die Grundsubstanz ist gut, aber die Dächer müssten erneuert werden, ebenso die Haustechnik. Heizung gibt es momentan keine. Die Fenster müssen modernisiert werden, teilweise ist Schimmel in den Räumen“, so Andra Schumann bei einem Vor-Ort-Termin. Das Geld will sie aus Veranstaltungen und durch Sponsoren erlangen.

Teststrecke für E-Bikes?
Im Endausbau könnte die Anlage durch Mieten finanziert werden. Genannt werden „Ambient Entertainment“ von Stefan Mischke, die für animierte Kinofilme tätig sind und hier Jugend­liche in diesem Segment ausbilden wollen. „HNF Heisenberg eBike“ von Michael Hecken rühmt sich, „der erste deutschlandweite eBike Direktvertrieb“ zu sein. „Mit Produktionsstätten in Biesenthal liegt Bogensee perfekt, um als Teststrecke für Probefahrten im Gelände oder auf der Straße zu dienen“, so die Firma. Allerdings, dies hat bereits für negative Schlagzeilen gesorgt: „Manche befürchteten, dass davon Verletzungsgefahr für Kinder ausgeht“, hat Andra Schumann erfahren müssen.

Flüchtlinge und Hotel
Als weitere Interessenten werden Philip Ishola mit einem Integrationsprojekt für Jugendliche oder die Tanmed GmbH aus Bernau genannt, die „Quereinsteiger und Flüchtlinge“ in der Pflege ausbilden will. Insgesamt möchte die Akademie Bogensee GmbH „über 70 Firmen, Organisationen und Vereinen Teilflächen zur Verfügung stellen“. Zudem soll ein Hotel entstehen.

Absage vom „Investor“
Ob es zum „Campus Bogensee“ kommt, ist fraglich. Das findet jedenfalls Professor Dieter Weiss als Chef vom „Institut für Zelltechnologie“, der als Investor genannt wird: „Wir könnten uns eine Außenstelle in Bogensee vorstellen. Die Idee wurde von Andra Schumann im Zusammenhang mit dem Gläsernen Labor in Berlin-Buch an uns herangetragen. Allerdings könnten wir kaum Miete bezahlen. Da wir Schulklassen als Ansprechpartner haben, fragt sich, wie diese herkommen. Zudem müssten die Räume saniert und modernisiert sein, was einen Millionenaufwand bedeutet, zu dem wir nichts beitragen könnten. Wenn diese Voraussetzungen erfüllt wären, würde erst in einer Machbarkeitsstudie untersucht werden müssen, ob der Standort für uns passt. Diese würde frühestens in zwei Jahren in Auftrag gegeben werden können.“

Erfahrung, die zählt?
Ob sich das Land Berlin als Eigentümer der Liegenschaft auf ein derartiges Abenteuer einlässt, bleibt offen. „In Bogensee geht es um historisch sehr delikate Hinterlassenschaften einer braunen und einer roten Diktatur“, weiß Andra Schumann. Allerdings hat sie damit Erfahrung, klein anzufangen. In Lanke wurde das Schloss ebenfalls erst mal fallweise gemietet, bevor es dann an einen Kreis um Andra Schumann ging.