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Neues aus der Waldsiedlung: Warum Wandlitz zum Politbüro-Wohnort wurde

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Buchautor
Paul Bergner
Telefon:03 33 97/2 14 90
Website:www.die-waldsiedlung.de

Gute Luft für die Führung

Stand: Mai 2021

Von Wandlitz aus wurde hohe Politik gemacht: Die Bewohner der Waldsiedlung regierten faktisch die DDR. Denn alle wichtigen Entscheidungen wurden vom SED-Chef und dem kleinen Kreis der Politbüro-Mitglieder getroffen.

Dabei gehört das Areal eigentlich zu Bernau. „Ein Grund, die Siedlung hier zu errichten, war die gute Luft. Wir liegen an einer Wasserscheide zwischen Elbe und Oder. Die Abgase der Städte sind nicht spürbar“, weiß Paul Bergner. Er erklärt weiter: „Die Dokumente belegen: Die Funktionäre lebten vorher in Pankow nahe der Grenze zum Westsektor. Diese Siedlung platzte aus allen Nähten. Das Politbüro beschloss am 28. August 1956: Es sind Maßnahmen für eine neue Wohnsiedlung vorzubereiten.“ Dabei waren die Ereignisse des 17. Juni 1953 sicher mitentscheidend.
Bergner kann bestätigen, dass Wandlitz klimatische Vorteile hat: „Wir sind aus Magdeburg hergezogen. Meine Tochter litt dort unter ständigem Husten. Mit dem Umzug nach Basdorf war dies schlagartig geheilt.“ Der heute 82-Jährige hat sich gleich mit der Wende vor 30 Jahren die Aufarbeitung und Dokumentation dieser Geschichte zur Lebensaufgabe gemacht. Nun hat er sein Buch „Die Waldsiedlung“ aktualisiert.
Den großen Reiz hat es durch die erkennbare Suche nach der „historischen Wahrheit“ ohne ideologische Scheuklappen. Dabei war Bergner von der DDR überzeugt und umso mehr von der „Privilegienwirtschaft“ der Politbüro-Funktionäre enttäuscht. Er wurde 1939 geboren und lebte in Dresden. Er erinnert sich noch gut an die verheerende Bombennacht, die die Barockmetropole weitgehend in Schutt und Asche legte. Er sagt: „Um zu verhindern, dass es je wieder Krieg gibt, trat ich den neu entstehenden ‚Bewaffneten Organen der DDR‘ bei. Als MdI-Angehöriger besuchte ich erfolgreich die Offiziersschule der NVA-Panzertruppen. Ich diente weiter in der Bereitschaftspolizei, wurde Abwehroffizier und 1964 in die Garnison der Volkspolizei-Bereitschaften Basdorf versetzt.“
Im Zuge der Wende erhielt er dort eine Anstellung als Gartenarbeiter. Dadurch erfuhr er unmittelbar „vor Ort“ durch eigene Anschauung der sich auflösenden Siedlung und durch die Zeitzeugenaussagen der Kollegen, was sich im „Inneren Ring“ abgespielt hatte. Er sah, wie vieles auf dem Brandplatz zerstört wurde, sammelte, was zu retten war und dokumentierte, was möglich war, in Fotos. Schon 1990 begann er, die Erkenntnisse zu veröffentlichen.

NATO-Dokumente im Abfall
Dabei stieß er auf teilweise sensationelle Funde: Persönliche Briefe, Dokumente, Bücher, Sachgeschenke aus den Häusern und aus der Verwaltung. „Dazu gehören streng geheime Karten über die genauen Standorte der Militärkräfte aller NATO-Länder.“ In den Unterlagen von Erich Honecker fand er die Privatadresse von Helmut Kohl: „Er war ja Historiker. Also sandte ich ihm 1994 mein Buch über die Waldsiedlung. Er bedankte sich in einem Brief und lobte es.“

Wichtige Zeitzeugen
Bei seinen Recherchen hatte Bergner den Vorteil, dass die ehemaligen „Genossen“ ungenierter mit ihm sprachen, schließlich war er einer von ihnen. Deshalb kann er in seinem nunmehr erweiterten Standardwerk über die Waldsiedlung viele persönliche Details bieten. Dazu gehört beispielsweise, dass Gertrud Mielke wegen ihrer Vorliebe für bunte Kleidung als „Papagei“ bezeichnet wurde, andererseits wegen ihrer zänkischen Art unbeliebt war.
Oder man erfährt von einem „Unfall ohne Personenschaden“, den Willy Brandt nach einem geheimgehaltenen Besuch bei Sowjetbotschafter Pjotr Andrejewitsch Abrassimow erlebte. Vom langjährigen Staatsratsvorsitzenden Willi Stoph erfährt man, dass er mit seiner Gartenleidenschaft und Pedanterie die „Bediensteten“ regelrecht tyrannisierte und andererseits bei wichtigen Sitzungen einschlief. Über Walter Ulbricht hat Bergner herausgefunden, dass dieser sich im Verbund mit Ehefrau Lotte Ulbricht stark für ein soziales Leben mit Kinovorführungen und Veranstaltungen im späteren Politbüro-Ghetto einsetzte.
Bergner belegt, dass Ulbricht im Feriensitz Groß Dölln im Beisein von Lotte Ulbricht 1973 gestorben ist und nicht in der Waldsiedlung, wie es öfters behauptet wurde. „Er hatte seit 1966 Kreislaufprobleme, war auf den Rollstuhl und einen an der Bibliothek angebauten Personenaufzug angewiesen. Er lebte nach seiner Entmachtung 1971 nicht mehr in der Waldsiedlung.“

Honeckers Leidenschaft
Sein Nachfolger, der immer steif wirkende Erich Honecker, war in Wirklichkeit offenbar überaus leidenschaftlich. Erst heiratete er Ende 1946 mit Charlotte Schanuel eine ehemalige Nazi-Gefängnisaufseherin. Nach deren schnellem Krebstod wurde die drei Jahre ältere FDJ-Funktionärin Edith Baumann seine nächste Ehefrau. Kurz darauf wurde Tochter Erika geboren.
Beinahe „gleichaltrig“ ist die zweite Tochter Sonja aus der Verbindung mit Margot Feist. Der spätere SED-Chef hatte sich Ende 1949 bei der Geburtstagsfeier für Josef Stalin in Moskau in die 22-jährige Leiterin der „Pionierorganisation Ernst Thälmann“ verliebt. Fortan führte er mit ihr eine „wilde Ehe“. Auf Druck von Walter Ulbricht ließ er sich scheiden und heiratete seine Geliebte.

Die drei Jäger
„Bei den Bediensteten in der Waldsiedlung galten Honecker, Günter Mittag und Erich Mielke als ‚die drei Jäger‘. Sie übten wenig waidmännisch und in aristokratischer Tradition zusammen ihr Hobby in der Schorfheide aus. Sie hatten als einzige privaten Kontakt, spielten öfter zusammen Skat“, so Bergner.
Sogar beim sowjetischen Botschafter Abrassimow konnte er Einblicke gewinnen: „Ihm stand das ‚Haus am See‘ in der August Bebel Straße zur Verfügung. Er lehnte Personenschützer ab, sprach mit jedem und lud seinen Fahrer und dessen Familie sogar regelmäßig bei sich zum Essen ein, wo er sie bewirtete.“

Lebendige Einblicke
Bergners nun erweitertes Buch gibt einen lebendigen Einblick ins Leben und Denken der DDR-Führung mit Kurzbiografien der Funktionäre. Dabei kann er einiges aus eigenem Erleben beitragen: „Bei der Jugendweihe unseres Sohns hielt Willi Stoph die Rede in der Schule. Dessen Sohn war in der Parallelklasse. Die Funktionärskinder inklusive Sonja Honecker gingen in Wandlitz zur Schule.“

Erstellt: 2021