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Als Dreijähriger vom „Ballfieber“ befallen: Fußball-Profi Lennart Czyborra auf der Schulbank in Italien

Fußballer
Lennart Czyborra
Website:www.lennartczyborra.com

Karriere zum Star-Kicker

Stand: Mai 2020

Büffeln statt Dolce Vita: Angekommen im bunten Italien muss der erfolgreichste Fußballstar, den Wandlitz je hatte, erst mal die Schulbank drücken.

Am Jahresbeginn war Lennart Czyborra von seinem bisherigen Verein überraschend zum italienischen Erstligisten Atalanta Bergamo gewechselt, wo er im Kader in seiner Stammposition als Linksverteidiger eingesetzt wird. Obwohl die Mannschaft aus Spielern aus vielen Nationen zusammengewürfelt ist, hält Trainer Gian Piero Gasperini nichts von babylonischem Sprachengewirr oder Englisch als Ersatz: „Er besteht auf Italienisch. Um ihn zu verstehen, muss ich also dringend die Sprache lernen“, nennt der Wandlitzer eine der Kehr­seiten bei der Verwirk­lichung seines Lebenstraums.

Frisch verliebt
Dabei hat er gerade in der Bankkauffrau Vanessa aus Pankow eine neue Liebe entdeckt, für die jetzt erst mal noch weniger Zeit sein wird.
Die Traumkarriere des Wandlitzers erinnert an ein Märchen: Als Dreijähriger wollte er unbedingt ebenso wie sein eineinhalb Jahre älterer Bruder Michael Czyborra zum Sportverein. „Der hatte ihn also im Schlepptau. Beim ‚1. FV Eintracht Wandlitz‘ rieb man sich über ihn die Augen. Was sollten sie machen? Er war ja viel zu jung für Fußball. Doch irgendwie erkannte man dort schon das Talent. Also durfte er beim Training mitmachen und, nachdem alle Augen zugedrückt wurden, mit fünf Jahren endlich aufs Spielfeld“, erinnert sich Mutter Susanne Czyborra. Die Familie wohnt seit 2002 in Wandlitz, nachdem sie sich in das Gebäude des früheren Kinderheims verliebt hatten. Heute strahlt der Bau in neuer Schönheit und ist eines der architektonischen Wahrzeichen der Gemeinde.

Achtung: Späher!
Durch viele Auszeichnungen als „Bester Spieler“ bei Hallen-Tunieren ist Lennart schnell in den Focus größerer Vereine geraten. Jedenfalls wurden die beiden Jungs 2007 von „Motor Eberswalde“ abgeworben.
Dieser Verein hatte aber wohl ebenfalls interessierte Gäste, was dazu führte, dass beide mit damals gerade mal 9 und 10 Jahren zum Kultclub „1. FC Union Berlin“ kamen.

Im Stress für Union
Für Vater Dr.-Ing. Michael Czyborra, der eine eigene Bauträgerfirma führt, bedeutete dies einen erheblichen Einschnitt: „Die Kinder sollten nach Schulschluss in Wandlitz zum Training nach Köpenick gebracht werden, das um 16 Uhr begann. Ich musste meinen gesamten Arbeitsalltag umstrukturieren, um dies zu ermöglichen. Das bedeutete, Kinder von der Schule abholen, Essen gab es für sie auf der Fahrt auf dem Rücksitz, Schularbeiten mussten ebenfalls so erledigt werden. Dann in Köpenick die Wartezeit per Smartphone und Laptop in einem Café arbeiten, und wieder zurück nach Wandlitz“, erinnert er sich.
„Die Jungs waren sehr ehrgeizig und hatten Durchhaltevermögen, sie wollten das unbedingt, es war ihr Traum.“ Ein wenig hatten sie den wohl von ihrem Vater geerbt, denn der war selbst jahrelang Spieler.

Getrennte Familie
Die nächsten Stationen stellten die Familie vor noch größere Anforderungen.
Nach einem kürzeren Zwischenspiel bei „Hertha“ ging es 2011 nach Cottbus.
Das bedeutete: Die Familie, zu der noch die beiden älteren Schwestern Lisa, heute 30, und Sarah, heute 28, gehören, war getrennt. „Die Jungs mussten im Internat wohnen und dort zur Schule gehen“, ist Mutter Czyborra noch heute etwas traurig.
„Die Spiele waren meistens am Wochenende, so dass es oftmals nur um Stunden ging. Wenn spielfrei war, kamen die Kinder am Freitag Nachmittag mit dem Zug. Mitunter nahm es Opa Manfred Czyborra auf sich, sie erst am Montagfrüh nach Cottbus zu fahren. Das hieß für ihn, um vier Uhr morgens aufstehen, um fünf Uhr die Kinder bei uns einladen um sie dann rechtzeitig zum Schulbeginn dort abliefern zu können“, so die Eltern.

Getrennte Wege
Als Lennart Czyborra 15 Jahre alt war, trennten sich die Wege der Brüder. „Der Ruf von ‚Schalke‘ bedeutete wieder eine große Veränderung, aber wer würde da Nein sagen?“, blickt er zurück.
Zum ersten Mal sollte er weit weg von zuhause in einem Milieu leben, das so ganz anders als die ostdeutsche Heimat war. „In Gelsenkirchen gab es zweimal am Tag hartes Training. In der Schule wurde keinerlei Rücksicht darauf genommen. Es war eine Doppelbelastung und eine sehr schwierige Zeit für mich. Ich entschied mich für ein Fach­abitur, das ich als Praktikant einer Kita in Bottrop erfolgreich absolvierte“, so Lennart Czyborra.

Kita und Mädchen
In der Kita waren Kinder und Eltern völlig fasziniert, wie er täglich mit guter Laune für Sonne im oft grauen Ruhrpott sorgte! Übrigens war der Wandlitzer in der Nationalmannschaft ebenfalls gefragt. So kann er auf jeweils sechs Spiele in der deutschen U18 und U20 verweisen. Mittlerweile hatte der „Blondschopf aus Wandlitz“ eine immer größere Fangemeinde, darunter viele Mädchen.

In Ruhe daddeln
Nächste Station war Holland. Dorthin hatte ihn Trainer Frank Wormuth für den holländischen Erstligisten „Heracles Almelo“ engagiert. „Hier eine Wohnung zu finden war ein echtes Problem. Ich lebte im Hotel, was auf die Dauer ganz schön nervig ist. Als ich mich dann eingerichtet hatte, wurde es oft sehr lustig. Viele meiner Mannschaftskollegen hatten schon Frau und Familie. Die kamen dann zu mir, um in Ruhe gemeinsam FIFA zu spielen ohne zuhause zu nerven!“ So kann man schnell holländisch lernen, wobei im Training Englisch gängig war.

Überraschender Wechsel
In Italien ist der Wandlitzer nun froh, mit Robin Gosens einen Teamkollegen zu haben, der ihm hilft, sich in der neuen Umgebung und in der bisher unbekannten Sprache zu orientieren.
Dass der Wechsel so schnell über die Bühne gehen würde, hat alle überrascht: „Wir hatten uns darauf gefreut, nach Weihnachten noch etwas länger zusammen zu sein. Am 20. Januar wurde der neue Vertrag unterschrieben, einen Tag später musste Lennart in Italien sein“, bedauern die Eltern. Immerhin konnten sie ihn schon drei Wochen später in der neuen Wohnung besuchen, um das Spiel gegen Valencia in Mailand miterleben zu können, das 4:1 für Atalanta ausging und noch vor dem Ausbruch von Corona in Norditalien stattfand.
Bei dem Besuch in der neuen Wohnung machten sie gleich eine sympathische Bekanntschaft, mit der neuen Liebe ihres Sohns, die aus dem nahen Berlin-Pankow stammt. So klein kann die Welt des großen Fußballs dann doch wieder sein! Sie werden im Mai seinen 21. Geburtstag zusammen feiern.
Lennart Czyborra ist sein immenser Erfolg keinesfalls zu Kopf gestiegen, er ist bodenständig geblieben. So ist er, wenn er mal in Wandlitz ist, für jeden ansprechbar und besucht gerne den „1. FV Eintracht Wandlitz“, der Wiege seines Erfolgs ist.

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